Gegen den Wind

Ich gebe zu, ich bin ein Weichei! Wenn ich mich nicht mit einigen Läufern aus unserem Verein verabredetet hätte und noch dazu nicht die Landesmeisterschaften im Marathon gewesen wären, wäre ich zu Hause geblieben und hätte keinen Schritt vor die Tür gemacht. Aber so …

Sonnabendmorgen schien es gar nicht so schlimm, wie vorhergesagt. Ok, es war windig, sehr windig sogar, vielleicht auch stürisch, aber ein Grund für die verbreiteten Unwetterwarnungen bestand eigentlich nicht. Das sah auch H. so, wobei sie es wohl längst aufgegeben hatte, mich von irgendwas zu überzeugen. So machten wir uns gegen 9:00 Uhr auf nach Husum, immerhin rund 90 Minuten Fahrt gen Westen. Der Wetterbericht hatte sich inzwischen korrigiert und sagte die Orkanböen nunmehr ab um 12:00 Uhr voraus. Das passte ja, denn um 12:00 Uhr war auch der Start zum 36. Husum Marathon. Dieser Marathon hat also eine lange Tradition und Anfang März ist das Wetter hier oben völlig unberechenbar, es war also nicht damit zu rechnen, dass der Marathon wegen des bisschen Windes ausfallen würde. Im Übrigen heißt er ja auch „Gegen den Wind Marathon“ und dieses Jahr machte er seinem Namen alle Ehre.

Ich hatte meinen kompletten Kleiderschrank dabei und es tatsächlich geschafft, mich vor dem Start dreimal umzuziehen. Schließlich entschied ich mich für ein Langarmshirt und darüber ein das halblange Vereinstrikot. Eine gute Wahl, wie sich herausstellte, nicht zu warm und nicht zu kalt. Pünktlich zum Start begann es wieder zu regnen, also optimale Bedingungen,  denn es hätte ja auch schlimmer kommen können, fetter Schneefall z.B. wie in diesem oder diesem Bericht anschaulich beschrieben.

Zuschauer gibt es bei diesem Marathon übrigens fast keine, ein paar mitgereiste Angehörige und eine Mittagsgesellschaft, die verstört aus einem Dörpskrog schaut und die nächste Stunde wohl damit zubringt darüber zu diskutieren, was man wohl geraucht haben muss, wenn man bei diesem Wetter einen Wettkampf läuft, das war es dann auch schon.

Nach dem Start findet sich schnell eine Gruppe, die zwar mit 4:45 min/km etwas zu schnell ist aber das schlimmste was ich mir zu diesem Zeitpunkt vorstellen kann ist, gleich am Anfang alleine zu laufen. Auf den ersten 10 km kommt der Wind im Wesentlichen von der Seite, die Läufer laufen auf dem Radweg wie an einer Perlenschnur aufgezogen schräg im Wind. Durch die Flugphasen kommt es vor, dass man sich auf der Grasnarbe wiederfindet. Unschön auch, wenn man unverhofft in einen Windschatten gerät. Nach 10 km geht es richtig los, die Strecke wendet sich nach Nordwesten und nun kommt der Wind auf den nächsten 10 km direkt von vorne. Da es in der offenen nordfriesischen Küstenlandschaft keinerlei Deckung gibt, wird es echt anstrengend. Entsprechend geht die Pace auch zurück und schwankt jetzt zwischen 5:07 und 5:30 min/km.

Der Regen hatte inzwischen übrigens aufgehört, nur hin und wieder gab es noch einen kurzen Schauer. Bei Kilometer 19 kam mir der Führende, mein Vereinkamerad entgegen. Er wird den Lauf in 2:42 h gewinnen. Nach 21 km ist endlich der Wendepunkt erreicht, nun bläst einem der Sturm (der Wind hat inzwischen tatsächlich noch etwas zugelegt) direkt in den Rücken. Aber auch dies ist keine echte Hilfe, Windgeschwindigkeiten zwischen 90 und 110 km/h sind zum Laufen einfach ungeeignet. Bei Kilometer 25 muss ich an einer Verpflegungsstelle eine längere Pause einlegen und mich mit Bananen, Apfelsinen, Keksen und Tee versorgen. Als die Standbetreuer schon fürchten, dass ich alles aufesse was da ist, laufe ich weiter. Die Gruppe hat es inzwischen natürlich schon lange zerlegt, ich kann jedoch wieder ganz gut laufen und Zeiten um die 5 min/km erreichen. Auf diese Weise kann ich noch ein paar Läufer einholen und bin schließlich nach 3:40:06 h im Ziel. Das reicht bei den Landesmeisterschaften zum 5. Platz in der AK 45. Viel mehr wäre an diesem Tag bei diesen Bedingungen sicher nicht gegangen, so dass ich doch recht zufrieden bin. In der Mannschaftswertung haben wir den Sieg um 3 Minuten verpasst und sind Zweiter geworden.

Nach dem Duschen suchen wir uns in Husum ein nettes Cafe, wo wir die Zeit bis zum traditionellen Labskaus Essen und der Siegerehrung verbringen. Diese geht dann flott über die Bühne, so dass wir uns um 19:00 Uhr auf den Heimweg machen können. ich bin schließlich um 21:00 Uhr wieder zu Hause.

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12 Kommentare zu “Gegen den Wind

  1. Wie man bei so einem Sturm noch so schnell laufen und so eine Zeit erreichen kann ist mir schleierhaft. Herzlichen Glückwunsch an Dich und auch für die Mannschaft! Gestern dachte ich noch, ich wäre evtl. alleine mit der Meinung, dass so viel Rückenwind zum Laufen auch nicht taugt, da war ich jetzt ganz erstaunt, dass Du es auch so empfunden hast.
    Wenn man vom Wetter absieht scheint es jedenfalls eine schöne Veranstaltung zu sein, auch was die Verpflegung anbetrifft. Jedenfalls danke schön, für den den schönen Bericht, ein paar Mal musste ich laut lachen, z.B. bei der Verpflegung und dem Dörpskrog. 😉

  2. Ja, ich hab‘ auch lachen müssen bei einigen der trockenhumorigen Stellen 😀

    Ist das irre (im einfachen und doppelten Wortsinn gleichzeitig zu verstehen) bei so einem Dreckswetter nen Marathon an der Küste zu laufen!

    Herzlichen Glückwunsch zu allem: der für diese Verhältnisse tollen Zeit, dem Durchhalten mit Humor, dem ansatzweisen Irrsinn und überhaupt …

    *grienend*

    Lizzy

  3. Puh, das klingt durchgepustet, ganz und gar durchgepustet. Schleierhaft ist es natürlich auch mir, wie solch eine Zeit bei solchen Bedingungen noch laufbar ist, auch die vom Sieger ist ja wirklich grandios.
    Schmeckt Labskaus?

    mandy, die gestern nicht, gar nicht vor die Tür ging es aber jetzt nachholt

  4. Boah – Riesenrespekt – ein Marathon mit Emma als Begleitung, und dann noch so eine Superzeit. Herzlichen Glückwunsch!

  5. Hallo!
    Auch von mir erst einmal Glückwunsch zu dieser. War gestern als Husumer erstmalig auf dieser Strecke. Bin auch M45 und habe die Strecke in 04:12 absolviert. War schon nee echte Herausforderung bei diesem Wetter. Fand die Org der LAVer super gut und habe als Fazit aus dem Lauf unter anderem gezogen, dass ich mich zukünftig für die Knickpflege und Erweiterung in NF einsetzen werde. Nee Spaß beiseite, fand Deinen Bericht amüsant, da er auch viele Paralellen mit meinem Artikel aufweist, den ich gerde für unsere Seite ( einfach mal TSV Mildstedt – Leichtathletik googeln) schreibe.
    Das war mein 6. Marathon und sicherlich nicht der letzte in Husum.

    Ein laufender und schnaufender Nordfriese

  6. Na herzlichen Glückwunsch auch von mir.
    Einen Marathon bei diesem Wetter in dieser Zeit – das ist mal ein Wort.

    Weiterhin viel Erfolg
    Gerhard

  7. Auch von mir herzlichen Glückwunsch zum Finish!

    Und es ist nicht lustig, wie nervös Verpflegungspostenhauptverantwortliche werden können, nur weil man mal eben ansatzweise andeutet, dass man eventuell das Buffet abräumen könnte? 🙂 … ja ja, wir anonymen Zwangsesser werden schon echt diskriminiert :-))

    Viele Grüße &
    Gute Erholung!
    Lars

  8. Vielen dank für die Glückwünsche.
    An den Labskaus habe ich übrigens so direkt nach dem Marathon dann doch nicht rangetraut. Für solche Leute wie mich gab es mit Curryhühnchenreispfanne auch eine Ausweichmöglichkeit.

  9. Respekt. Also bei dem Wetter hab ich auch an alles andere gedacht als an Marathon laufen (mal abgesehen dass ich persönlich sowieso selten daran denke). Aber auch das normale „draussen-sein“ war ja schon ne qual. Und dann noch laufen… naja, wem´s Spass macht 😉

    Vielleicht solltest du im Ziel mal jemanden hinstellen mit einem Kölner Zapfturm, das bringt vielleicht in der generellen Manschaftsleistung noch die fehlenden Sekunden… 🙂

    Also, ich werde ab jetzt diese Seite mal öfter besuchen und mal schauen was du sonst noch so erlebst…

    also dann, bis die Tage

  10. Hallo Nordlicht !
    Gruß aus Nordfriesland. Am Samstag bei Windstärke 10 und mehr einen Marathon zu laufen ist schon ein „starkes Stück“.
    Wir waren eine kleine Gruppe am Straßenrand die Euch mit Laola angefeuert haben.
    Unser Freund hat es auch geschafft (M50)

  11. @Franky: Zapfturmtrinken ist natürlich eine andere Disziplin 😉
    @Bärbel: Dann gratuliere ich deinem Freund auch ganz herzlich. An ein Laola kann ich mich leider nicht so recht erinnern, da hatte ich wohl zu viel mit mir selbst zu tun.

    Vielen Dank euch beiden für die Glückwünsche.

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