Training ist nicht nötig

Nach über einem halben Jahr Wettkampfpause wollte ich also heute mal wieder ein kleines Wettrennen mitmachen und hatte mir dazu den Kielmarathon ausgesucht. Vorsorglich hatte ich jedoch nur für den Halbmarathon gemeldet, denn dass ich ein Training hinbekommen würde, welches wenigstens bei sehr wohlwollender Betrachtung als marathontauglich durchgehen würde, daran glaubte ich nicht ernsthaft.

Durch meine Wettkampfabstinenz und auch durch meine Abmeldung beim RW-Forum bin ich nicht mehr so richtig mit der Szene vertraut. Dies wurde mir klar, als ich etwa 1 Stunde vor dem Start am Wettkampfort eintraf. Da waren sie wieder, die ganzen kaputten Typen. Leute, die bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mit kurzer Hose und Singlet unterwegs waren, aber immerhin hatten sie Handschuhe an, man will sich ja nicht erkälten. Später auf der Strecke sah ich dann einen Marathonläufer, der mit so einer Art ausgewaschenem kurzen Schlafanzug auf Baumwolle unterwegs war. Aber auch das andere Extrem war anwesend. Läuferinnnen, die aussahen als wenn sie zum Nordpol aufbrechen wollten. Dann noch die Fraktion der Technikverliebten und Überlebensstrategen, ausgestattet mit MP3-Playern und Verpflegung für mehrere Tage.

Wenn ich ganz ehrlich war, hatte ich natürlich keinen blassen Schimmer, wie schnell ich würde laufen können. Seit mindestens 4 Monaten hatte ich kein nennenswertes Tempotraining mehr gemacht und es gab Zeiten, da war ich froh, 20 km in der Woche zu schaffen (gerne verteilt auf 4 oder 5 Einheiten). Da man ja aber irgendwie loslaufen muss, hatte ich mir überlegt zu schauen, wie lange so etwa 21 bis 22 Minuten für 5 km so gehen würden. Das würde auf eine Zeit in der Nähe von 1:35 h hinauslaufen. Das sollte eigentlich irgendwie gehen. Immerhin war ich letzten Sonntag schon mal genauso lange unterwegs, allerdings hatte ich da nur 16 km geschafft und es hatte mir auch gereicht.

Wie immer bei kleineren Volksläufen laufe ich auch diesmal eine Minute vor dem Start von vorne in die Startaufstellung hinein. Das sichert einen Platz in den ersten 5 Startreihen. Da es sich um eine Bruttozeitnahme handelt, habe ich dadurch außerdem keinen Zeitverzug und ich kann jedem möglichen Gerangel am Anfang aus dem Weg gehen. Hier treffe ich auch meine Vereinskollegen wieder, wir versichern uns noch einmal, dass es eine wirklich blöde Idee war, sich zu diesem (einem) Wettkampf anzumelden. Die beiden haben auch aufgerüstet und sind seit ein paar Wochen stolze Besitzer einer GPS-kann-alles-Läuferuhr, ich höre noch die „Drohung“ gegen die Wertung Beschwerde einzulegen, wenn die Strecke zu lang ist, dann knallt es und das Rennen beginnt.

Die Bedingungen sind optimal, fast kein Wind und das bisschen was weht, weht aus der Förde raus, wir haben also am Anfang Rückenwind. Es ist trocken und hin und wieder zeigt sich auch mal die Sonne. Das Feld hat sich recht schnell sortiert ich versuche ein Gefühl für das Tempo zu bekommen, bloß nicht zu schnell loslaufen. Der erste Kilometer ist nach knapp 4 Minuten erreicht, der ist aber wohl ein bisschen zu kurz weil die Markierungen für den Marathon sind. Die ersten 5 km sind nach 20:42 min erreicht, etwas zu schnell zwar aber wer weiß schon, ob die Markierungen exakt sind. Das Tempo ist machbar, ich achte darauf, möglichst exakt an der anaeroben Schwelle zu laufen, das ist zwar etwas zu schnell, aber so kann ich das Tempo am besten kontrollieren. Die zweiten 5 km sind in 21:35 min erreicht, damit ist auch die erste Runde vorbei. Die Tatsache, die ganze Runde jetzt noch einmal laufen zu müssen, ist zwar nicht besonders verlockend aber was soll’s. Jetzt fängt für mich das Niemandsland bei einem Halbmarathon an, der Abschnitt so zwischen km 12 und 17. Man ist schon ziemlich fertig, blöderweise ist es noch zu weit bis zum Ziel um sich mit Durchhalteparolen über Wasser zu halten. Dazu kommt jetzt ein ziemliches Umwohlsein (um es mal höflich auszudrücken), ähnlich wie bei meinem letzten 10 km Rennen bei der Landesmeisterschaft im letzten Jahr. Nun habe ich ja kein großes Problem damit, den freundlichen Helfern im Ziel vor die Füße zu k****n, aber dazu ist es jetzt einfach noch zu früh und wenn ich jetzt anhalten muss, ist die Zeit auf jeden Fall dahin. Also beschließe ich, ein wenig langsamer zu laufen und das Problem ansonsten zu ignorieren. Den dritten Abschnitt absolviere ich so in 22:41 min. Ich beschließe, die Uhr für den Rest des Rennens zu ignorieren, sonst bekomme ich noch Depressionen und konzentriere mich stattdessen auf meinen Laufstil. Das hilft und ich werde wieder etwas schneller.

Schließlich komme ich nach 1:31:25 h ins Ziel. Das ist in der Altersklasse der 8. Platz und der Gsamt 50. Platz. Schnellste Frau werde ich außerdem noch 😉 Ingesamt sind 534 Teilnehmer, davon 408 Männer ins Ziel gekommen. Für mich war es der zweitschnellste je gelaufene Halbmarathon, damit war nach dem „Training“ der letzten Zeit nicht unbedingt zu rechnen.

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10 Kommentare zu “Training ist nicht nötig

  1. Herzlichen Glückwunsch zu Deiner Leistung! 🙂

    Der 50. Platz von 534 die das Ziel erreicht haben als schnellste Frau und das trotz mindestens 4 Monate kein Tempotraining, das ist super!
    Das soll Dir erst mal jemand nachmachen.

  2. Wahnsinn. Ohne Vorbereitung, ohne Tempotraining, ohne große Ziele oder besondere Motivation – einfach an den Start und mal sehen was kommt.
    Einfach mal laufen und schauen was wird – es scheint wunderbar zu klappen.

    Da kann man dir nur zu der hervorragenden Zeit gratulieren! Die „einfach so“ gelaufen – das ist schon ’ne Hausnummer!

  3. 1:31? Mitten im Winter, ohne „echtes“ Training? Vow! Ich denke, ich werde ab sofort auch morgens um halb fünf meine Runden drehen 😉

    Ernsthaft: Herzlichen Glückwunsch und Danke für den erheiternden Bericht! Viele von diesen Typen sind echt „kaputt“, oder?

    Schöne Grüße
    Lars

  4. Genial! Der Bericht, ich habe laut gelacht und die Zeit natürlich sowieso. Herzlichen Glückwunsch!
    Bei den Typen muss man sich wirklich manchmal wundern. Die Schnellen halb nackig, was ich aber verstehen kann und viele andere, wie zu einer Eisexpedition. Den Knaller habe ich heute gesehen, eine Frau mit einer dünnen Windhose. Beige-hellgrau, oder so. Dummerweise hat es geregnet und es hatte den gleichen Effekt wie ohne Hose durchsichtstechnisch 😉

    Hast Du im Ziel … ? 😉

    PS: Und ich wunder mich, dass Du im RW Forum nichts mehr schreibst, jetzt wird es klar.

  5. „Respekt!“ kann ich da bloss sagen. Oder: „Gelernt ist gelernt!“, aber das ist beim Lafen eigentlich quatsch – na vielleicht auch nicht ganz. Hoffe, Dir geht’s nun gut, also kein Muskelkater und so weiter… und was was kommt als naechstes?, Gruss, Bodo

  6. Vielen Dank für die Glückwünsche.

    Motiviert war ich durchaus, nicht umsonst habe ich mich ganz vorne hingestellt. Ich bin aber immer mehr am Zweifeln, ob mit einem nur halbherzigen strukturiertem Training deutlich mehr drin wäre.

    Michi, nein der Anfall war nach ein paar Kilometern wieder vorbei. Später habe ich dann einfach nicht mehr dran gedacht 😉 Ich muss übrigens feststellen, dass ich im falschen Lauf gestartet bin. Eine Läuferin „ohne“ Hose wäre mir eine etwas weitere Anreise durchaus wert gewesen 🙂

    An dem gelernt ist sicher was dran. Die Beine merken sich die in der Vergangenheit gelaufenen Kilometer wohl ganz gut. Ich hatte ja vor dem letzten Drittel ein paar Bedenken, weil ich schon länger nicht mehr so weit gelaufen war. Aber das war dann überhaupt kein Problem.

  7. Kaum bin ich mal ne Woche aus’m onlineLeben raus, da schreiben alle wie verrückt Blogbeiträge – sogar das Nordlicht Ralf, sonst eher sparsamer Blogger *tz*

    Und vor allem: alle laufen die geilsten Zeiten!

    Glückwunsch von mir dazu – leicht verspätet aber von Herzen!

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