Kiellauf 2009

Nein, bestzeitenfähig ist die Strecke nicht, bescheiden mir meine Vereinskollegen vor dem Lauf. Abgesehen von dem Gegenwind an der Förde sei die Strecke ziemlich verwinkelt und außerdem gäbe es im mittleren Abschnitt ein paar langgezogene Steigungen. Dass man die Strecke zweimal durchlaufen müsse, mache das alles nicht besser und man würde gut daran tun, sich ein paar Körner aufzuheben. Ich sage ihnen, dass ich das alles gar nicht (so genau) wissen will und verweise stattdessen auf zwei Tempoeinheiten in den letzten Wochen, aus denen ich gedenke den Optimismus zu ziehen, dass es heute nun endlich mal klappt mit der Sub 1:30 h auf der Halbmarathondistanz.

Neben den guten Trainingsergebnissen befinde ich, dort wo es Steigungen gibt, muss es auch wieder runter gehen und dort wo der Wind von vorne kommt, muss er ja auch irgendwann mal von hinten kommen, schließlich laufen wir ja eine, oder besser zwei Runden. Alles halb so wild also. Ich bin beizeiten im Startbereich, denn wenn ich irgendwo zum ersten Mal laufe, will ich keinen Stress mit der Organisation haben. So kann ich das Auto in eine nahegelegene Tiefgarage stellen und erlebe sowohl den Bambinilauf mit als auch den 3.000 m Lauf. Immer wieder staune ich, wie fix die Kleinen unterwegs sind und da sich schon eine Menge Zuschauer eingefunden haben, werden sie auch ordentlich angefeuert.

Nachdem die 10,5 km Läufer gestartet sind, beginne ich mich im Startbereich warmzulaufen. Dabei muss ich wohl etwas suchend geschaut haben, eine Zuschauerin denkt jedenfalls, ich gehöre noch zu den gerade gestarteten Volkläufern und will mir den Weg zeigen 😉 Ich kann den Irrtum jedoch aufklären und als ich wieder in den Startbereich komme, sind dort schon die Blockeinteilungen für den HM-Start aufgestellt. Das schmeichelt natürlich meinem Ego, ist der erste Block doch der mit der Zielzeit 1:30 h.

Die nächsten Minuten verbringe ich damit, meinen FR205 einzustellen. Dabei fällt mir auf, dass der HM nicht überall gleich lang zu sein scheint, die Uhr meint jedenfalls eine Länge von 21,08 km wäre ausreichend. Ich messe dem keine übermäßig große Bedeutung bei, denn erstens ist der HM amtlich vermessen (glaube ich jedenfalls), zweitens haben auch die Veranstalter eine Uhr und drittens soll mir der Virtuelle Trainer eher zur Orientierung dienen. Da ich heute ja Optimist bin, stelle ich eine Pace von 4:12 min/km ein. Nach 10 Minuten habe ich das endlich fertig und muss mich nun doch sputen, in die Startaufstellung zu kommen. Irgendwie schein mir, dass ich für die unfallfreie Bedienung einer GPS-Uhr so allmählig zu alt werde.

Die erste Startreihe überlasse ich heute großzügig unseren schwarzafrikanischen Lauffreunden und finde mich bei meinem Vereinkollegen so in der 4. Startreihe ein. Die Stimmung ist hier so ein bisschen wie bei Zahnarzt alle hoffen, dass es schnell vorbei ist. Die Wetterbedingungen sind übrigens durchaus angenehm, die Sonne scheint, im Schatten werden so um die 15 Grad sein, na ja und der Wind, den ignorieren wir heute einfach mal, auch wenn dies bei Windstärke 5 – 6 nicht ganz so einfach wird. Mitten in das Vorstartgejammere fällt der Startschuss und nun geht es los.

Auf den ersten Kilometern komme ich mir vor wie bei einem Mittelstreckenrennen. Rempeleien sind an der Tagesordnung, zum Glück tritt mir niemand in die Hacken und auch ich stelle keinem ein Bein. Keiner will im Wind laufen, jeder will sich irgendwie in der Gruppe verstecken. Dazu gibt es hier auf der Straße nur ein schmales Asphaltband, der Rest ist Kopfsteinplaster. Nein, jetzt noch nicht, denke ich mir und laufe nicht im Wind sondern verstecke mich auf dem Asphalt in der Gruppe. Alles Weicheier hier. Das Tempo ist recht hoch, nach etwas mehr als 4 km habe ich etwa 80 m Vorsprung gegenüber meiner Uhr. Die nächsten rund vier Kilometer verliere ich davon wieder etwa 50 m.

Wenn ich auf freier Strecke so nach vorne schaue ist es mir ein Rätsel, was die ganzen Läufer hier vor mir noch wollen 😉 Eine Zeit um die 1:30 h hat im letzten Jahr für etwa Platz 100 gereicht. Nicht dass ich jetzt mit zählen anfangen werde, aber geschätzt laufen deutlich mehr als 100 Läufer vor mir und im Moment bin ich ja eher in Richtung 1:29 oder so unterwegs. Als die erste Runde rum ist, habe ich etwa 220 m Vorsprung. Der Blick auf die mitlaufende Uhr im Zielbereich verwirrt mich zunächst ein wenig. Da steht gerade eine 1:45:xx h. Ich rechne kurz nach und komme zu dem Ergebnis, dass ich gut in der Zeit liege 😉 50 m weiter beschließe ich, dass das alles Mist war und konzentriere mich wieder auf’s Laufen. Das ist auch notwendig, denn die zweite Runde hat angefangen und so allmählig merke ich, dass das heute ein hartes Stück Arbeit wird.

Irgendwo bei km 15 habe ich das erste Mal einen Rückstand, zwar nur 5 bis 7 m aber immerhin. Bei km 16 denke ich das erste Mal sehr intensiv daran, dass nun so langsam das Ziel kommen könnte. Die Füße tun weh, die Oberschenkel brennen, an den Verpflegungsständen muss ich mit geschlossenen Augen vorbei laufen, weil ich sonst fürchten muss, dass sich das Frühstück selbständig macht. Außerdem schmerzt die Aufhängung von Leber, Nieren oder was auch immer. Alles untrügliche Zeichen dafür, dass ich zu schnell unterwegs bin. Aber wie sagt man doch so schön, wenn du nicht mehr kannst, lauf einfach schneller. Zum Glück geht es jetzt auch schon wieder bergab und so gelingt es mir aus dem Rückstand wieder einen Vorsprung zu bauen. Den vorletzten Kilometer weist Sporttracks mit 4:04 min, den letzten mit 3:59 min. Auf einmal Tusch, Der FR sagt: Rennen gewonnen, dummerweise sind es noch gut 100 m. So wird es keine 1:28:17 h werden, sondern irgendwas um 1:29:07 h.

Auf einer nicht ganz einfachen Strecke kann ich meine Bestzeit also um 55 sek. verbessern. Training scheint also doch zu helfen. Mal sehen, was die offiziellen Zeiten so sagen.

Edit: Nun sind die Zeiten im Netz. Offiziell ist es auch eine 1:29:07 h geworden. Das reicht für Platz 72 von insgesamt 1802 Finishern, wobei es hier keine Unterscheidung nach den Geschlechtern gibt. Wir waren uns im Ziel einig, dass 4 Frauen vor uns waren, 3 schwarze und eine weiße.. In der Altersklasse hat es zu Platz 10 gereicht.

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4 Kommentare zu “Kiellauf 2009

  1. Alles richtig gemacht, kann ich da nur sagen! Und natürlich herzlichen Glückwunsch zu der schönen Zeit!

    Irgendwie kam mir vieles in Deinem Bericht sehr bekannt vor, letztendlich zählt ja immer auch der „Weg“ zur neuen Bestzeit. Gekämpft, konzentriert gelaufen, immer die Uhr im Blick – und jede Sekunde Vorsprung zählt in diesem Zeitfenster doppelt und dreifach, oder?

    Man kann sich bis kurz vor dem Ziel einfach nicht wirklich sicher sein, ob die 1:30 nun fällt oder nicht, es bleibt bis zum Schluß spannend. Und dann verrechnet sich noch der ForeRunner 🙂

    Gute Erholung!

  2. Herzlichen Glückwunsch zur Bestzeit! Da ich selbst den Kiellauf bereits einige Male gelaufen bin, weiß ich um die kleinen Schwierigkeiten auf der Strecke. Bei dir hat ja aber alles perfekt geklappt – sehr schön!

  3. Verwinkelte HMs scheinen Glück zu bringen. Ganz herzlichen Glückwunsch zur PB und der guten Platzierung! Was haben denn die Vereinskollegen zur Bestzeit auf nichtbestzeitenfähiger Strecke gesagt? Gut, dass Du so ignorant warst *lach* aber wie Du herumgeirrt bist, dass Dich eine Zuschauerin schon auf die Piste schicken wollte, dass hätte ich gerne gesehen, hihi.

    Übrigens, nie im Leben, wenn eine Auswahl von Leuten zur Verfügung gestanden hätte, die im WK den Virtual Partner einstellen und ich hätte raten müssen, wer ja und wer nein, nie im Leben hätte ich gedacht, dass Du das probierst. So kann man sich irren 😉

    Die neuen Schuhe, wenn Du sie anhattest, scheinen schnell zu sein.

  4. Lars: In der Tat, sicher sein kann man sich bei einem Bestzeitenlauf nie, dazu beherrscht man die Strecke bei dem Tempo einfach nicht. Deshalb heißt es immer wieder, Konzentration und kämpfen um jeden Meter.

    Hannes: Stimmt, die Strecke ist nun auch nicht so kompliziert und möglicherweise stellt sich jemand, der Berge kennt, etwas ganz anderes unter Anstiegen vor. Flach oder gar topfeben ist aber auch was anderes.

    Michi: Ich bin mir nicht sicher, ob meine Vereinskollegen wissen, dass es eine Bestzeit war. Da wir alle fast zur gleichen Zeit im Ziel waren, war es für sie auf jeden Fall Streckenschlechtszeit 😉 Was den Forerunner angeht, bin ich selbst überrascht. Ich hoffe jedoch, dass es nie soweit kommt, dass ich mich über die Abweichungen aufregen werde. Ich hatte übrigens meine New Balance an. Die haben einfach besser zu dem Singlet gepasst, was ich anziehen wollte 😉

    Vielen Dank an euch für die Glückwünsche!

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