Die Nacht der Nächte oder „Einmal musst du nach Biel“

Die Idee, einen Ultra zu laufen, hatte ich schon lange und immer war es der 100er in Biel, der mich faszinierte. Ich kann gar nicht genau sagen, warum, vielleicht war es eben jenes Buch von Werner Sonntag mit dem Titel „Irgendwann musst du nach Biel“, welches ich zwar nicht gelesen habe, aber bei dem mich die Titelaussage begeisterte.

Die Jahre gingen ins Land und irgendwann hatte ich das Gefühl, wenn ich es nicht bald machen würde, wird das nichts mehr. So traf es sich, dass ich zum einen in diesem Jahr 55 Jahre alt wurde, zum anderen die 60. Austragung der Bieler Lauftage stattfand und ich außerdem mit Henning einen Mitläufer akquirieren konnte. Henning hatte irgendwann mal auf meine Frage, welchen Lauf er denn gerne noch machen würde oder gerne gemacht hätte, auf eben den 100er in Biel verwiesen und so beschlossen wir irgendwann, es gemeinsam anzugehen.

Ich hatte mal irgendwo gelesen, ein 100er wäre die letzte Strecke, die man ohne Training laufen könnte. Das machte uns Mut, denn für ein gezieltes Training, das wurde uns beiden recht schnell klar, fehlte uns schlicht die Zeit. Ohne Training heißt natürlich nicht, ohne irgendwelche Lauferfahrung oder das man vorher überhaupt nicht laufen muss, aber wir beschlossen für uns, dass wir auf Grund unserer jahrzehntelangen Lauferfahrung erstens eine gute Grundlagenausdauer hatten und zweitens hoffentlich auf die Fragen, die sich während des Laufs stellen würden, eine gute Antwort finden würden.

Um uns nicht unnötig zu verunsichern, ersparten wir es uns irgendwelche Trainingspläne anzusehen oder uns nennenswert mit der Strecke zu beschäftigen. Wir hatten gehört, der Kurs in Biel sei flach, darunter versteht der Schweizer sicher nicht ein Streckenprofil wie in Nordfriesland aber mit unseren Strecken in der Holsteinischen Schweiz sollten wir ganz gut dabei sein. Da die Strecke außerdem durch urbanes Gebiet führt war anzunehmen, dass man keine umfangreiche Pflichtausrüstung benötigt, was uns als erklärte Laufpuristen sehr entgegenkam. So hatten wir neben 20 Franken für den Bäcker noch ein Telefon mit und damit hatte es sich. Für die Nacht hatten wir jeder eine Taschenlampe dabei, meine war eine für 3 Euro von irgendeinem Wühltisch, die ich einfach wegwerfen konnte, wenn sie mich zu sehr störte.

Das „Training“ (wir vermieden es sorgfältig, unsere Laufbemühungen so zu nennen) gestaltete sich wie erwartet, schwierig. Ende letzten Jahres liefen wir 40 km am Stück, das ging ganz gut, der nächste längere war dann eher eine Katastrophe. Dann bekam ich eine Erkältung und es kamen ein paar andere Dinge dazwischen, jedenfalls kamen wir nie so recht in Fahrt, wie wir uns das vorgestellt hatten. Von der Idee, mal einen so genannten Doppeldecker zu laufen (also z.B. 30 km am Samstag und 40 km am Sonntag), war schon lange nicht mehr die Rede.

Andererseits, 100 km sind ja auch nur 5 x 20 km und 20 km gehen ja immer. Mit solchen Sprüchen machten wir uns Mut und versuchten das fehlende Training zu kompensieren. 5 oder 6 Wochen vor dem Termin hatten wir eine Generalprobe angesetzt und die nahmen wir sehr ernst. Wir hatten uns eine Runde rausgesucht, die etwa 57 km lang war, wenn das halbwegs funktionierte waren wir uns sicher, den Lauf zu schaffen, denn dann war es ja bloß noch ein Marathon und das konnten wir. Dieser Trainingslauf war unsere erste Ultradistanz (vorher waren wir beide nie weiter als ein Marathon gelaufen) und es lief hervorragend. Wir erfreuten uns einer gelungenen Renneinteilung, hatten ausreichend Verpflegungspunkte eingeplant, die wir auch alle nutzten und waren nach 7 h wieder zu Hause, natürlich geschafft und etwas kaputt aber keineswegs völlig am Ende.

Am letzten Montag vor dem Lauf, absolvierten wir noch einen 30er, der war wieder schlecht (wenigstens für mich). Wir liefen am Abend, es war warm und ich war heilfroh, als es zu Ende war. Aber was soll man machen, jetzt war es ohnehin zu spät. Donnerstagabend flogen wir nach Zürich und waren Freitag um 01:00 Uhr endlich im Hotel in Biel. Unsere Frauen begleiteten uns und ich hatte den Eindruck, dass sie aufgeregter waren als wir. Henning hatte sich zwei Tage vorher noch einen Insektenstich am Fuß eingefangen, der zu einer Schwellung führte und schon beim Gehen ziemlich weh tat. Das konnte ja heiter werden. Hennings Frau als mitreisende Ärztin ging mit uns in eine Apotheke vor Ort, unterhielt sich mit dem dortigen Personal auf Fachchinesisch und orderte ein Eisspray für vor- und nachher und eine Tube Kühlgel für unterwegs. Außerdem verpflichtete sie mich, dafür zu sorgen, dass Henning aufhörte, wenn es nicht mehr ging. Ich war schon im Wettkampfmodus und hätte auch dem Verkauf meiner Großmutter zugestimmt, wenn dies dazu geführt hätte, das Henning von ihr die Startfreigabe erhält.

Aber natürlich machte ich mir Sorgen und spielte verschiedene Szenarien durch und beschloss schließlich auf Henning und seine Lauferfahrung zu vertrauen und ihn wenn es notwendig sein sollte zu unterstützen. Außerdem wirkte das Eisspray nach der ersten Anwendung Wunder, Henning war für den Moment offensichtlich schmerzfrei und konnte drei oder vier Meter problemlos Probelaufen. Dann konnte es ja losgehen!

Punkt 17:00 Uhr waren wir bei der Startnummernausgabe. Dort erwartete uns ein heftiger Gewitterguss, der etwa 45 Minuten dauerte. Die Zeit verbrachten wir in einem Verpflegungszelt, das durch die Wassermassen fast weggespült wurde. Wir versuchten es, positiv zu sehen, dann würde es nämlich nachher nicht mehr regnen, außerdem kühlte es sich merklich ab und das war auf jeden Fall positiv. Den restlichen Abend verbrachten wir dann im Hotel, aßen noch eine Kleinigkeit, zogen uns um und wurden von unseren Frauen mit allen guten Wünschen in die Startzone entlassen.

Da saßen wir nun in unseren gesponserten Regencapes und fragten uns beim Anblick der Teilnehmer, ob wir hier wirklich hingehörten oder doch eher fehl am Platz waren. Leute ausgestattet mit riesigen Trinkrucksäcken, Kompressionsstrümpfen, Unmengen von Gels und Kopfhörern, blinkend wie ein Weihnachtsbaum in der deutschen Provinz. Halb amüsiert, halb fragend sahen wir dem Schauspiel zu, auf einmal war es kurz vor dem Start und da wir recht spät zur Startaufstellung kamen, mussten wir uns ganz hinten anstellen und starteten so ziemlich als letzte.

Nun ging es also los, das Abenteuer. Nach einem knappen Kilometer meinte Henning, dass das schwierig werden könnte mit seinem Fuß. Der tat doch mehr weh, als erhofft. Aufgeben war jetzt natürlich noch keine Option, 15 bis 20 km würden schon gehen und dann würde man weitersehen. Nach drei Kilometern machten wir eine Bewegungsanalyse, Henning lief ungefähr 5 Meter vor mir und ich schaute, ob irgendwas unrund lief oder es sonst einen Hinweis auf eine Schonhaltung gibt. Dem war zum Glück nicht so.

Wir hatten uns vorgenommen mit einem Schnitt um die 6 min/km zu starten, wobei das nur zur groben Orientierung dienen sollte, primäres Ziel war es anzukommen, idealerweise aus eigener Kraft und so, dass man noch einigermaßen alle Sinne zusammen hat. Auch bedingt durch die vielen Läufer vor uns pendelte sich die Laufpace bei 6:30 min/km ein und wenn wir liefen (und wir liefen etwa bis Kilometer 93) blieb es dabei. Im Nachhinein also offenbar genau die richtige Pace für die unvorbereiteten Debütanten.

Die erste Verpflegung bei knapp 4 Kilometer ließen wir aus, bei Kilometer 9 machten wir Pause. Etwas essen, vor allem trinken und Henning hatte ja noch ein Date mit seinem Kühlgel. Etwa bei Kilometer 15 machte ich mir das erste Mal echte Sorgen, ob ich die Strecke schaffen würde. Ich schwitzte sehr stark, die Luft hatte sich zwar durch das Gewitter abgekühlt aber die Luftfeuchtigkeit war sehr hoch und ich hatte Sorge ob es mir gelingen würde, die notwendige Flüssigkeit zu mir zu nehmen. Außerdem musste ich den Salzverlust ausgleichen, sonst würde ich irgendwann Krämpfe bekommen. Dazu kam, dass ich langsam Hunger bekam, aber bereits jetzt mit der dargebotenen Verpflegung meine Probleme hatte.

Die bestand im Wesentlichen aus verschiedenen Energieriegeln, Bananen, Rosinen und Energiegetränken, Wasser, Tee und Cola und Gemüsebrühe. Alles nichts, was einem leeren Magen was zu tun gibt. Etwa bei Kilometer 25 beschloss ich das Hungergefühl weitestgehend zu ignorieren. Wir liefen ja so langsam, dass keine Gefahr bestand, dass ich einen Hungerast bekam, ich hatte einfach nur Hunger. Ich trank an jeder Verpflegung mehrere Becher Wasser, Tee und Gemüsebrühe, ließ mir dabei die Zeit, die notwendig war und zwang mich, ein, zwei Stückchen Banane, ein paar Rosinen und ein wenig trockenes Brot zu essen. Satt werden musste ich ja nicht, der Körper würde sich die Energie aus den Fettreserven ziehen.

Alles bestens also. Jetzt war ich mir sicher, das Ziel zu erreichen, es waren zwar noch 75 km, aber die sollten nun kein Problem mehr sein. Auch Henning hatte sich mit seinem Insektenstich so gut es ging arrangiert. Wir ließen uns an den Verpflegungen die Zeit, die wir benötigten, gingen ab jetzt die Anstiege, wie alle anderen um uns herum auch, hoch und dachten ansonsten nicht an das große Ziel in Biel, sondern an den nächsten Verpflegungspunkt. Alles, was wir dort aßen, tranken oder auch sonst taten musste schlicht bis zur nächsten Verpflegung reichen und dort würde man weitersehen.

Auf der Strecke überholten wir immer die gleichen Leute, die liefen zwar langsamer, hielten sich aber offenbar nicht so lange bei der Verpflegung auf. In Biel klatschten wir alle Kinder ab, die uns zujubelten, unterwegs grüßten wir praktisch alle Zuschauer und hielten auch mal einen kleinen Schwatz mit den Helfern. Ganz zum Schluss hatten ein paar Kinder vielleicht 800 m vor dem Ziel noch einen Stand mit Wasser aufgebaut. Natürlich war das nicht mehr nötig, hier noch was zu trinken, wir nahmen jeder einen Becher, bedienten uns gerne bei den angebotenen Blaubeeren und Henning sprach mit den Kindern ein wenig auf Französisch, was diese ganz toll fanden (Biel ist ja die größte zweisprachige Stadt der Schweiz).

Nach ungefähr 7,5 h erreichten wir Kirchberg. Das hatte ich mir als letzten großen Zeitnahmepunkt gemerkt. Hier ließ ich die Verpflegung erstmal beiseite und kaufte mir ein ziemlich großes Salamibaguette, dazu einen Kaffee. Endlich was Richtiges zu essen! Trockene Sachen angezogen, noch ordentlich Wasser und Cola getrunken und dann weiter! Jetzt war es ja nur noch ein Marathon. Hier in Kirchberg sahen wir zum ersten mal auch diejenigen, die nicht so viel Glück hatten. Die irgendwo hingefallen waren und hier ärztlich versorgt werden mussten oder die einfach nicht mehr konnten. Angesichts derer waren wir froh, dass wir den Emmendamm im Hellen laufen konnten. Im Dunkeln, nach 60 km liegt man auf einem Waldweg, der teilweise nur aus Wurzeln und Steinen besteht, schnell mal auf der Nase.

Auf der Homepage der Bieler Lauftage waren zwei Punkte erwähnt, die mein besonderes Interesse geweckt haben. Zum einen ein Kaffeemobil nach etwa 68 km. Hier tranken wir einen Kaffee, ich nahm noch einen Hefezopf mit Marmelade und wir nahmen gerne das Angebot an, uns einen Moment hinzusetzen. Der Bäcker bei Kilometer 72 spielt deshalb eine besondere Rolle, weil ich mir in meiner Phantasie immer vorgenommen habe, Samstagmorgen beim Bäcker ein schönes Stück Kuchen und einen Kaffee zu nehmen und die aufgehende Sonne zu genießen. Nun war die Sonne zwar schon aufgegangen, als wir da ankamen und zum Glück versteckte sie sich noch hinter ein paar Wolken, aber wir aßen vor dem Bäcker ein frisches Croissant und grüßten die Läufer, die an uns vorbeiliefen (die wir ja gerade alle überholt hatten). Wenn Träume wahr werden oder so!

Ungefähr nach zwei Dritteln der Strecke trafen wir dann unsere Frauen (später noch einmal), die Fotos machten und uns sagten, dass wir das ganz toll machten. Aber natürlich auch die Sorge, wie es uns und speziell Henning geht. Ob wir sie beruhigen konnten, weiß ich nicht aber so schlecht ging es ja tatsächlich nicht.

So gegen 11:00 Uhr kam die Sonne raus und es wurde doch recht warm. Das anlaufen nach den Pausen wurde immer anstrengender, Henning sein Fuß machte auch zunehmend Probleme und überhaupt machte sich nun doch eine gewisse Erschöpfung spürbar. So allmählich wurde es anstrengend. Irgendwann beschlossen wir dann, den Rest zu gehen und nur noch das letzte Stück zu laufen. Natürlich haben wir noch das obligatorische Foto bei Kilometer 99 gemacht und dann waren wir auch schon im Ziel.

Dort haben uns unsere Frauen erwartet, die die ganze Nacht nicht schlafen konnten und mit uns mitgefiebert haben. Ohne sie hätten wir das ohnehin nicht geschafft. Über meine Idee vom Vortag, am Nachmittag noch eine Bootstour auf dem Bieler See zu machen, konnten wir alle bloß noch müde lachen. Nach einem guten Abendbrot ging es dann zeitig ins Bett, weil wir am nächsten Tag schon um 05:00 Uhr nach Zürich gefahren sind, um von dort aus wieder nach Hause zu fliegen.

Abschließend noch ein Dank an die Organisatoren. Eine top organisierte Veranstaltung, die keine Wünsche offenlässt. Wir hatten das Glück, uns auch beim Chef des OK der Bieler Lauftage persönlich bedanken zu können, weil er gerade die Finishershirts ausgegeben hat, als wir da waren. Vielen Dank!

 

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