Die Nacht der Nächte oder „Einmal musst du nach Biel“

Die Idee, einen Ultra zu laufen, hatte ich schon lange und immer war es der 100er in Biel, der mich faszinierte. Ich kann gar nicht genau sagen, warum, vielleicht war es eben jenes Buch von Werner Sonntag mit dem Titel „Irgendwann musst du nach Biel“, welches ich zwar nicht gelesen habe, aber bei dem mich die Titelaussage begeisterte.

Die Jahre gingen ins Land und irgendwann hatte ich das Gefühl, wenn ich es nicht bald machen würde, wird das nichts mehr. So traf es sich, dass ich zum einen in diesem Jahr 55 Jahre alt wurde, zum anderen die 60. Austragung der Bieler Lauftage stattfand und ich außerdem mit Henning einen Mitläufer akquirieren konnte. Henning hatte irgendwann mal auf meine Frage, welchen Lauf er denn gerne noch machen würde oder gerne gemacht hätte, auf eben den 100er in Biel verwiesen und so beschlossen wir irgendwann, es gemeinsam anzugehen.

Ich hatte mal irgendwo gelesen, ein 100er wäre die letzte Strecke, die man ohne Training laufen könnte. Das machte uns Mut, denn für ein gezieltes Training, das wurde uns beiden recht schnell klar, fehlte uns schlicht die Zeit. Ohne Training heißt natürlich nicht, ohne irgendwelche Lauferfahrung oder das man vorher überhaupt nicht laufen muss, aber wir beschlossen für uns, dass wir auf Grund unserer jahrzehntelangen Lauferfahrung erstens eine gute Grundlagenausdauer hatten und zweitens hoffentlich auf die Fragen, die sich während des Laufs stellen würden, eine gute Antwort finden würden.

Um uns nicht unnötig zu verunsichern, ersparten wir es uns irgendwelche Trainingspläne anzusehen oder uns nennenswert mit der Strecke zu beschäftigen. Wir hatten gehört, der Kurs in Biel sei flach, darunter versteht der Schweizer sicher nicht ein Streckenprofil wie in Nordfriesland aber mit unseren Strecken in der Holsteinischen Schweiz sollten wir ganz gut dabei sein. Da die Strecke außerdem durch urbanes Gebiet führt war anzunehmen, dass man keine umfangreiche Pflichtausrüstung benötigt, was uns als erklärte Laufpuristen sehr entgegenkam. So hatten wir neben 20 Franken für den Bäcker noch ein Telefon mit und damit hatte es sich. Für die Nacht hatten wir jeder eine Taschenlampe dabei, meine war eine für 3 Euro von irgendeinem Wühltisch, die ich einfach wegwerfen konnte, wenn sie mich zu sehr störte.

Das „Training“ (wir vermieden es sorgfältig, unsere Laufbemühungen so zu nennen) gestaltete sich wie erwartet, schwierig. Ende letzten Jahres liefen wir 40 km am Stück, das ging ganz gut, der nächste längere war dann eher eine Katastrophe. Dann bekam ich eine Erkältung und es kamen ein paar andere Dinge dazwischen, jedenfalls kamen wir nie so recht in Fahrt, wie wir uns das vorgestellt hatten. Von der Idee, mal einen so genannten Doppeldecker zu laufen (also z.B. 30 km am Samstag und 40 km am Sonntag), war schon lange nicht mehr die Rede.

Andererseits, 100 km sind ja auch nur 5 x 20 km und 20 km gehen ja immer. Mit solchen Sprüchen machten wir uns Mut und versuchten das fehlende Training zu kompensieren. 5 oder 6 Wochen vor dem Termin hatten wir eine Generalprobe angesetzt und die nahmen wir sehr ernst. Wir hatten uns eine Runde rausgesucht, die etwa 57 km lang war, wenn das halbwegs funktionierte waren wir uns sicher, den Lauf zu schaffen, denn dann war es ja bloß noch ein Marathon und das konnten wir. Dieser Trainingslauf war unsere erste Ultradistanz (vorher waren wir beide nie weiter als ein Marathon gelaufen) und es lief hervorragend. Wir erfreuten uns einer gelungenen Renneinteilung, hatten ausreichend Verpflegungspunkte eingeplant, die wir auch alle nutzten und waren nach 7 h wieder zu Hause, natürlich geschafft und etwas kaputt aber keineswegs völlig am Ende.

Am letzten Montag vor dem Lauf, absolvierten wir noch einen 30er, der war wieder schlecht (wenigstens für mich). Wir liefen am Abend, es war warm und ich war heilfroh, als es zu Ende war. Aber was soll man machen, jetzt war es ohnehin zu spät. Donnerstagabend flogen wir nach Zürich und waren Freitag um 01:00 Uhr endlich im Hotel in Biel. Unsere Frauen begleiteten uns und ich hatte den Eindruck, dass sie aufgeregter waren als wir. Henning hatte sich zwei Tage vorher noch einen Insektenstich am Fuß eingefangen, der zu einer Schwellung führte und schon beim Gehen ziemlich weh tat. Das konnte ja heiter werden. Hennings Frau als mitreisende Ärztin ging mit uns in eine Apotheke vor Ort, unterhielt sich mit dem dortigen Personal auf Fachchinesisch und orderte ein Eisspray für vor- und nachher und eine Tube Kühlgel für unterwegs. Außerdem verpflichtete sie mich, dafür zu sorgen, dass Henning aufhörte, wenn es nicht mehr ging. Ich war schon im Wettkampfmodus und hätte auch dem Verkauf meiner Großmutter zugestimmt, wenn dies dazu geführt hätte, das Henning von ihr die Startfreigabe erhält.

Aber natürlich machte ich mir Sorgen und spielte verschiedene Szenarien durch und beschloss schließlich auf Henning und seine Lauferfahrung zu vertrauen und ihn wenn es notwendig sein sollte zu unterstützen. Außerdem wirkte das Eisspray nach der ersten Anwendung Wunder, Henning war für den Moment offensichtlich schmerzfrei und konnte drei oder vier Meter problemlos Probelaufen. Dann konnte es ja losgehen!

Punkt 17:00 Uhr waren wir bei der Startnummernausgabe. Dort erwartete uns ein heftiger Gewitterguss, der etwa 45 Minuten dauerte. Die Zeit verbrachten wir in einem Verpflegungszelt, das durch die Wassermassen fast weggespült wurde. Wir versuchten es, positiv zu sehen, dann würde es nämlich nachher nicht mehr regnen, außerdem kühlte es sich merklich ab und das war auf jeden Fall positiv. Den restlichen Abend verbrachten wir dann im Hotel, aßen noch eine Kleinigkeit, zogen uns um und wurden von unseren Frauen mit allen guten Wünschen in die Startzone entlassen.

Da saßen wir nun in unseren gesponserten Regencapes und fragten uns beim Anblick der Teilnehmer, ob wir hier wirklich hingehörten oder doch eher fehl am Platz waren. Leute ausgestattet mit riesigen Trinkrucksäcken, Kompressionsstrümpfen, Unmengen von Gels und Kopfhörern, blinkend wie ein Weihnachtsbaum in der deutschen Provinz. Halb amüsiert, halb fragend sahen wir dem Schauspiel zu, auf einmal war es kurz vor dem Start und da wir recht spät zur Startaufstellung kamen, mussten wir uns ganz hinten anstellen und starteten so ziemlich als letzte.

Nun ging es also los, das Abenteuer. Nach einem knappen Kilometer meinte Henning, dass das schwierig werden könnte mit seinem Fuß. Der tat doch mehr weh, als erhofft. Aufgeben war jetzt natürlich noch keine Option, 15 bis 20 km würden schon gehen und dann würde man weitersehen. Nach drei Kilometern machten wir eine Bewegungsanalyse, Henning lief ungefähr 5 Meter vor mir und ich schaute, ob irgendwas unrund lief oder es sonst einen Hinweis auf eine Schonhaltung gibt. Dem war zum Glück nicht so.

Wir hatten uns vorgenommen mit einem Schnitt um die 6 min/km zu starten, wobei das nur zur groben Orientierung dienen sollte, primäres Ziel war es anzukommen, idealerweise aus eigener Kraft und so, dass man noch einigermaßen alle Sinne zusammen hat. Auch bedingt durch die vielen Läufer vor uns pendelte sich die Laufpace bei 6:30 min/km ein und wenn wir liefen (und wir liefen etwa bis Kilometer 93) blieb es dabei. Im Nachhinein also offenbar genau die richtige Pace für die unvorbereiteten Debütanten.

Die erste Verpflegung bei knapp 4 Kilometer ließen wir aus, bei Kilometer 9 machten wir Pause. Etwas essen, vor allem trinken und Henning hatte ja noch ein Date mit seinem Kühlgel. Etwa bei Kilometer 15 machte ich mir das erste Mal echte Sorgen, ob ich die Strecke schaffen würde. Ich schwitzte sehr stark, die Luft hatte sich zwar durch das Gewitter abgekühlt aber die Luftfeuchtigkeit war sehr hoch und ich hatte Sorge ob es mir gelingen würde, die notwendige Flüssigkeit zu mir zu nehmen. Außerdem musste ich den Salzverlust ausgleichen, sonst würde ich irgendwann Krämpfe bekommen. Dazu kam, dass ich langsam Hunger bekam, aber bereits jetzt mit der dargebotenen Verpflegung meine Probleme hatte.

Die bestand im Wesentlichen aus verschiedenen Energieriegeln, Bananen, Rosinen und Energiegetränken, Wasser, Tee und Cola und Gemüsebrühe. Alles nichts, was einem leeren Magen was zu tun gibt. Etwa bei Kilometer 25 beschloss ich das Hungergefühl weitestgehend zu ignorieren. Wir liefen ja so langsam, dass keine Gefahr bestand, dass ich einen Hungerast bekam, ich hatte einfach nur Hunger. Ich trank an jeder Verpflegung mehrere Becher Wasser, Tee und Gemüsebrühe, ließ mir dabei die Zeit, die notwendig war und zwang mich, ein, zwei Stückchen Banane, ein paar Rosinen und ein wenig trockenes Brot zu essen. Satt werden musste ich ja nicht, der Körper würde sich die Energie aus den Fettreserven ziehen.

Alles bestens also. Jetzt war ich mir sicher, das Ziel zu erreichen, es waren zwar noch 75 km, aber die sollten nun kein Problem mehr sein. Auch Henning hatte sich mit seinem Insektenstich so gut es ging arrangiert. Wir ließen uns an den Verpflegungen die Zeit, die wir benötigten, gingen ab jetzt die Anstiege, wie alle anderen um uns herum auch, hoch und dachten ansonsten nicht an das große Ziel in Biel, sondern an den nächsten Verpflegungspunkt. Alles, was wir dort aßen, tranken oder auch sonst taten musste schlicht bis zur nächsten Verpflegung reichen und dort würde man weitersehen.

Auf der Strecke überholten wir immer die gleichen Leute, die liefen zwar langsamer, hielten sich aber offenbar nicht so lange bei der Verpflegung auf. In Biel klatschten wir alle Kinder ab, die uns zujubelten, unterwegs grüßten wir praktisch alle Zuschauer und hielten auch mal einen kleinen Schwatz mit den Helfern. Ganz zum Schluss hatten ein paar Kinder vielleicht 800 m vor dem Ziel noch einen Stand mit Wasser aufgebaut. Natürlich war das nicht mehr nötig, hier noch was zu trinken, wir nahmen jeder einen Becher, bedienten uns gerne bei den angebotenen Blaubeeren und Henning sprach mit den Kindern ein wenig auf Französisch, was diese ganz toll fanden (Biel ist ja die größte zweisprachige Stadt der Schweiz).

Nach ungefähr 7,5 h erreichten wir Kirchberg. Das hatte ich mir als letzten großen Zeitnahmepunkt gemerkt. Hier ließ ich die Verpflegung erstmal beiseite und kaufte mir ein ziemlich großes Salamibaguette, dazu einen Kaffee. Endlich was Richtiges zu essen! Trockene Sachen angezogen, noch ordentlich Wasser und Cola getrunken und dann weiter! Jetzt war es ja nur noch ein Marathon. Hier in Kirchberg sahen wir zum ersten mal auch diejenigen, die nicht so viel Glück hatten. Die irgendwo hingefallen waren und hier ärztlich versorgt werden mussten oder die einfach nicht mehr konnten. Angesichts derer waren wir froh, dass wir den Emmendamm im Hellen laufen konnten. Im Dunkeln, nach 60 km liegt man auf einem Waldweg, der teilweise nur aus Wurzeln und Steinen besteht, schnell mal auf der Nase.

Auf der Homepage der Bieler Lauftage waren zwei Punkte erwähnt, die mein besonderes Interesse geweckt haben. Zum einen ein Kaffeemobil nach etwa 68 km. Hier tranken wir einen Kaffee, ich nahm noch einen Hefezopf mit Marmelade und wir nahmen gerne das Angebot an, uns einen Moment hinzusetzen. Der Bäcker bei Kilometer 72 spielt deshalb eine besondere Rolle, weil ich mir in meiner Phantasie immer vorgenommen habe, Samstagmorgen beim Bäcker ein schönes Stück Kuchen und einen Kaffee zu nehmen und die aufgehende Sonne zu genießen. Nun war die Sonne zwar schon aufgegangen, als wir da ankamen und zum Glück versteckte sie sich noch hinter ein paar Wolken, aber wir aßen vor dem Bäcker ein frisches Croissant und grüßten die Läufer, die an uns vorbeiliefen (die wir ja gerade alle überholt hatten). Wenn Träume wahr werden oder so!

Ungefähr nach zwei Dritteln der Strecke trafen wir dann unsere Frauen (später noch einmal), die Fotos machten und uns sagten, dass wir das ganz toll machten. Aber natürlich auch die Sorge, wie es uns und speziell Henning geht. Ob wir sie beruhigen konnten, weiß ich nicht aber so schlecht ging es ja tatsächlich nicht.

So gegen 11:00 Uhr kam die Sonne raus und es wurde doch recht warm. Das anlaufen nach den Pausen wurde immer anstrengender, Henning sein Fuß machte auch zunehmend Probleme und überhaupt machte sich nun doch eine gewisse Erschöpfung spürbar. So allmählich wurde es anstrengend. Irgendwann beschlossen wir dann, den Rest zu gehen und nur noch das letzte Stück zu laufen. Natürlich haben wir noch das obligatorische Foto bei Kilometer 99 gemacht und dann waren wir auch schon im Ziel.

Dort haben uns unsere Frauen erwartet, die die ganze Nacht nicht schlafen konnten und mit uns mitgefiebert haben. Ohne sie hätten wir das ohnehin nicht geschafft. Über meine Idee vom Vortag, am Nachmittag noch eine Bootstour auf dem Bieler See zu machen, konnten wir alle bloß noch müde lachen. Nach einem guten Abendbrot ging es dann zeitig ins Bett, weil wir am nächsten Tag schon um 05:00 Uhr nach Zürich gefahren sind, um von dort aus wieder nach Hause zu fliegen.

Abschließend noch ein Dank an die Organisatoren. Eine top organisierte Veranstaltung, die keine Wünsche offenlässt. Wir hatten das Glück, uns auch beim Chef des OK der Bieler Lauftage persönlich bedanken zu können, weil er gerade die Finishershirts ausgegeben hat, als wir da waren. Vielen Dank!

 

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Der Oberelbemarathon

Ich hatte mich ja vor einiger Zeit schon für den Oberelbemarathon am 24.04.2016 angemeldet und nun war er also da, der Tag an dem ich nach drei oder vier Jahren mal wieder einen Marathon laufen wollte.

Die Vorbereitung war wie immer eher bescheiden, für ein halbwegs ordentliches Marathontraining fehlt mir schlicht die Zeit. So hatte ich zwar immerhin einen längeren Lauf (30 km) gemacht und dieser war auch gar nicht so schlecht aber ansonsten waren die längsten Läufe so um die 16 km lang, also viel zu kurz. Einzig die Tatsache, dass ich im Vergleich zu früher recht viel laufe (durchschnittlich 60 – 70 km pro Woche sind natürlich ein Witz aber wir lachen ja alle gerne mal), gab Anlass zu der Hoffnung, dass ich nicht wie sonst üblich auf dem zweiten Halbmarathon komplett eingehen würde.

Bei einem letzten Start an der Oberelbe vor 10 Jahren hatte ich am Wettkampftag einen Hexenschuss zugezogen. Dies blieb mir diesmal erspart, nur hatte ich wieder einen ziemlich schrecklichen Husten von den ganzen Pollen des Frühjahrs. Nun ja, was soll’s – irgendwas ist halt immer!

Was die Renngestaltung angeht, hatte ich mich (ganz im Gegensatz zu meinen sonstigen Versuchen) schlussendlich für eine recht konservative Taktik entschieden, die da lautete mit dem 3:30h Zugläufer zu starten und dann mal zu sehen, was passiert.

Am Sonntagmorgen war es lausig kalt und der Wind kam aus Nordwest was bedeutete, dass man die ganze Zeit Gegenwind hat. Die Strecke führt ja von Königstein immer an der Elbe nach Dresden rein, einzig in Pirna musste eine kleine Schleife gelaufen werden, da gab es dann mal ein paar Meter Rückenwind.

Am Start habe ich dann nach dem Zugläufer Ausschau gehalten, aber der ist wohl von ganz vorne gestartet, jedenfalls habe ich ihn erst nach über 10 km eingeholt. Alles in allem habe ich an meine Marschroute gehalten und bin die ersten 30 bis 35 km mit einem Schnitt von etwa 5:00 min/km gelaufen. Nach 33 km hatte ich 2 Minuten Vorsprung auf den 3:30 h Splitt. Dann wurde es doch recht zäh und die fehlenden langen Läufe machten sich bemerkbar. Zwei vergleichsweise lange Pausen an den Verpflegungsständen haben dann zu einem Zeitverlust von ein paar Minuten geführt. Außerdem ging der Kilometerschnitt noch ein bisschen herunter, so dass ich nach 3:35:00 h im Ziel war.

Im Stadion war dann der Weg zur Gepäckausgabe und zu den Umkleiden für den einen oder anderen sicher eine Herausforderung. Man musste nämlich die Treppen der Zuschauerränge des Stadions hochlaufen (und natürlich auch wieder runter!).

Insgesamt eine gelungene Veranstaltung, die sicher ein wenig unter dem Wetter gelitten hat. Immerhin war ich so schnell, dass H. mich zweimal vom Begleitdampfer aus fotografieren konnte.

Die Statistik zum Schluss:

Zieleinlauf nach 3:35:00 h, das reicht bei knapp 1.000 Startern für den 180. Platz gesamt und den 27. Platz in der AK 50 – 54. Nun ja!

Von der Einsamkeit des Langstreckenläufers

kann beim Kielmarathon natürlich keine Rede sein. Auf einer Pendelstrecke von knapp 6 km tummeln sich in drei Disziplinen (10 km, HM und M) insgesamt ca. 2.000 Läufer. Ich hatte mich irgendwann Ende des letzten Jahres für den Marathon angemeldet mit der Idee, diesen als zügigen langen Lauf zu absolvieren. Etwa seit Dezember laufe ich ja wieder etwas mehr und so dachte ich, ich würde dann bereits wieder genügend Kondition und Tempohärte haben, um leicht unter einem Schnitt von 5 min/km laufen zu können, ohne gleich „All In“ gehen zu müssen.

Leider kann es, wie schon so oft in letzter Zeit anders. Ende Januar hatte ich mir eine Reizung / Überlastung / was auch immer im Übergang zwischen dem rechten Fuß und dem Schienbein zugezogen, die teilweise höllisch weh tat und auf das ganze Schienbein ausstrahlte. Da meine sonst so bewährte Taktik, zwei Ruhetage zu machen und ansonsten die Verletzung einfach zu ignorieren diesmal leider nicht funktionierten, versuchte ich es mit mehreren Ruhetagen und verbrauchte eine Tube Voltaren. Nach drei Wochen hatte ich das Gefühl, dass die Verletzung irgendwann vorbei sein könnte. Ich konnte immerhin schon schmerzfrei loslaufen und beim letzen Lauf vor dem Marathon kamen die Schmerzen auch erst etwa bei Kilometer 10.

Da ich nun schon mal bezahlt hatte, beschloss ich einfach mal nach Kiel zu fahren und zu sehen, wie lange das dann ging. Der Vorteil dieser Streckenführung ist ja der, dass man praktisch aller 10 km am Auto vorbeiläuft und nicht nach 20 km irgendwo in der Pampa auf eine Mitfahrgelegenheit warten muss. Da ich völlig ambitionslos war, hatte ich erstens viel zu viel an und startete irgendwo in der Mitte des Feldes. Als Pace hatte ich mir eine 5:15 min/km überlegt.

Das war nun aber genau die Geschwindigkeit, wo man nach der ersten Runde in den HM-Start kam und deshalb war die Strecke von nun an sehr voll. Im Grunde war es mir aber egal, ich freute mich, dass mir heute zur Abwechslung mal nichts weh tat. Nach 20 km fing ich an zu überlegen, ob es denn so eine schlaue Idee war, quasi noch verletzt und in den letzten 30 Tagen insgesamt nur mit 98 km auf der Uhr an einem Tag 42 km laufen zu wollen. Da ich immer nicht beschwerdefrei war, zog ich kurzerhand die Option mit dem Auto und beendete das Läufchen. Die Uhr sagt 21,3 km in 1:51 h, also ziemlich exakt eine Pace von 5:15 min/km.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass ich meine Verletzung wohl überwunden habe (das ist das Schönste) und dass ich einen Wettkampf nicht so lala laufen kann. Es darf doch gerne anschließend (und bei Bedarf auch die nächsten Tage) alles weh tun und nicht so, dass ich heute schon wieder 13 km durch den Wald gelaufen bin. Beim nächsten Mal also wieder zu schnell loslaufen und dann gepflegt eingehen.

Gepflegt vergeigt

Nachdem nach einer Woche die Ergebnisse des Salzwiesenlaufs immer noch nicht im Netz waren hatte ich ja Hoffnung, dass der Veranstalter Gnade walten lässt und über meine Leistung bei diesem Wettkampf den Mantel des Schweigens hüllen würde. Aber natürlich kam es anders.

Das Wetter trifft diesmal keine Schuld, es war geradezu ideal, um die 15 Grad und kein Wind, trocken war es außerdem, vielleicht ein wenig schwül aber nichts, was als Ausrede gelten könnte. Die Strecke ist auf dem zweiten Abschnitt zum Teil recht verwinkelt aber da war es dann auch schon egal – also die Strecke ist auch nicht schuld.

Bleibt also noch der Protagonist selbst. Obwohl ich nicht richtig ausgeruht am Start stand, fühlte ich mich nicht so schlecht, ein paar schnellere Einheiten gaben ein gewisses Selbstvertrauen. Der erste Kilometer war mit 3:45 min/km durchaus im angestrebten Bereich, in der Nachbetrachtung war er aber wohl doch zu schnell, vielleicht sogar deutlich. Über den weiteren Rennverlauf gibt es gar nicht so viel zu berichten. Ich erfreute mich vor allem auf dem zweiten Teil an einer, wenigstens für diesen Tag, misslungenen Renneinteilung, zum Teil waren Kilometerabschnitte mit 4:30 min/km dabei.

Nach 41:08 min war es dann endlich vorbei, damit wird man bei einem so kleinen Wettkampf sogar noch 6. und 3. der Altersklasse von insgesamt um die 140 Teilnehmer. Na ja. Beim nächsten Mal werde ich mal mit einer 4:05 min/km anlaufen. Schlechter werden kann es ja nicht mehr.

Bloß keinen Stress

Das war das Motto mit dem wir in diesem Jahr am Hamburg Marathon teilnehmen wollten. Angesichts der Tatsache, dass es morgens am Start schon mindestens 20 Grad im Schatten waren, die Sonne bereits unbarmherzig brannte und sich zwischen den Hochhäusern am Start kein Lüftchen bewegte, genau die richtige Einstellung.

So eine niedrige dreistellige Startnummer mit Start aus dem Block B macht im Vorfeld des Marathons schon mächtig Eindruck, hat man doch sonst eher vier- oder fünfstellige Startnummern. Weil aber gleichzeitig die Deutschen Meisterschaften im Marathon sind und jeder, soweit er in einem Verein ist und einen Startpass hat, daran teilnehmen kann bekommt man also so eine schöne Startnummer. Dafür ist der Zielschluss dann aber auch nach 4:10 h und nicht erst nach 6:30 h.

Die Vorbereitung lief wie immer, ich war also viel zu wenig gelaufen um das ganze eine Marathonvorbereitung zu nennen. Einen gewissen Optimismus schöpfte ich aus der Tatsache, dass ich im Training im Schnitt inzwischen ca. 30 sek. pro Kilometer schneller laufe als früher. Mein Begleiter hatte auch nicht mehr trainiert als ich und so beschlossen wir in der Woche vor dem Lauf, den ersten HM ca. in 1:30 h zu laufen und dann mal zu schauen. Das war aber bevor wir wussten, was für ein Wetter werden würde.

Am Start korrigierten wird das dann schon mal und liefen mit ungefähr 4:30 min/km los, also durchaus moderat. Na ja, nach 13 km bemerkte ich, dass ich mir eine fette Blase gelaufen hatte und spätestens jetzt war klar, das Rennen war gelaufen. Die Hitze tat ihr übriges und ich musste bei Kilometer 15 erst mal einige Zeit damit verbringen, mich abzukühlen. Dabei war aber auch Wasser in die Schuhe gelaufen, Strümpfe, Blase und Haut quollen auf und bildeten eine unheilige Allianz. Die nächsten 3 km verbrachte ich damit, Ausschau nach einem günstigen Punkt zum Ausstieg zu halten, bis mir irgendwann klar wurde, dass ich dann auch nicht schneller im Ziel sein würde als wenn ich einfach weiter laufe.

Ab jetzt verbrachte ich alle 2,5 km an den Wasserstellen jeweils ca. 3 min. damit, mich gründlich abzukühlen. Die Pacewerte der Laufabschnitte waren bis ziemlich zum Schluss mit 4:40 min bis 4:50 min/km immer noch recht manierlich, aber wenn man bis zum Schluss ca. 20 min. damit zubringt, sich abzukühlen, kann man keinen Blumentopf mehr gewinnen. Mit 3:31 h ist die Zeit trotz allem noch halbwegs erträglich geworden und wieder einmal hat sich gezeit, dass ich kein Hitzeläufer bin. Die Eliteläufer wohl auch nicht. Mindestens zwei der Vorjahressieger sind beizeiten ausgestiegen und die Siegerzeit war auch gut 4 min. schlechter als sonst. Vielleicht gelingt es mir ja im Herbst, die Trainingszeiten besser umzusetzen.

Ein Wort noch zur Stimmung. Ich weiß nicht, wie sie bei anderen großen Stadtmarathons ist, aber in Hamburg ist sie einfach umwerfend. Kaum diese nervigen Ratschen und Rasseln, das ganze ist eher ein großes Volkfest, Musik ob live oder vom Band an jeder Ecke, fast überall Anfeuerungen, viele machen ein Picknick oder frühstücken draussen, auf dem zweiten Teil sehr viele private Verpflegungsstellen und Duschen, alles in allem also sehr gelungen.

Betreutes Laufen am Sonntagvormittag

Am letzten Sonntag im Oktober veranstaltet mein Laufverein traditionell den Lauf um den Großen Binnensee. Traditionell bin ich bei diesem Lauf nicht dabei, irgendwas ist immer. Aber diesmal wollte ich wieder mal nach einigen Jahren der Abwesenheit mitlaufen, allerdings nur, wenn es nicht regnete und windig durfte es auch nicht sein. Beides hatte ich vor Wochenfrist in Lübeck zur Genüge. Deshalb fiel die Entscheidung zur Teilnahme auch erst nach dem Frühstück.

Der Lauf ist als Halbmarathon ausgeschrieben und natürlich nicht amtlich vermessen. Nachdem die Strecke in den letzten Jahren immer ein wenig länger war, hat es diesmal ganz gut gepasst. Die Strecke selbst ist ziemlich anspruchsvoll, es geht durch die Holsteinische Schweiz und die ist alles andere als flach. Fiese Steigungen wechseln mit recht steilen Bergabpassagen ab, natürlich nichts wirklich langes aber es reicht, damit man jedesmal aus dem Rhythmus kommt.

Die Nachmeldung klappt natürlich problemlos. Keine Nachmeldegebühr und mit 6 Euro ist man dabei. Dafür wird einem aber auch das pure Laufvergnügen geboten, inklusive Handstoppung der Zeit, keiner Medaille oder sonst irgendwelchem Schnickschnack. Wer es von den heute üblichen Laufevents gewohnt ist, alle 2 – 3 km vollverpflegt zu werden, sollte sich besser was zu essen und zu trinken mitnehmen. Hier gibt es bei 7 und 14 km Wasser und warmen Tee und das war es dann. Man ist ja schließlich zum Laufen hier und nicht zum futtern.

Am Start herrscht eine lockere Atmosphäre, man kennt sich halt, das Starterfeld ist durchaus überschaubar, fast hat man den Eindruck, als hätten wir Sonntagsvormittagsläufer unseren Lauftreff einfach nur verlegt. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass ich natürlich nicht die Spur einer Chance habe, irgendwas zu gewinnen, weil die Jungs alle schneller deutlich schneller sind als ich. Aber eine Woche nach einem Marathon weiß ich ohnehin nicht, ob schon wieder ein Wettkampf wirklich so eine gute Idee ist und so beschließe ich beizeiten, dass alles unter einem Schnitt von 5 min/km ganz nett wäre.

Nach dem Start sortiert sich das Feld, ich finde mich vielleicht an 10. Stelle wieder, die Zeiten pendeln am Anfang so um die 4 min/km aber die schweren Teile kommen noch und ich rechne sowieso beizeiten mit einem Einbruch, dergestalt dass ich dem Marathon Tribut zollen muss. Für km 6 habe ich sogar eine 3:48 min auf der Uhr, kann aber zu meinen etwa 50 m bzw. 100 m vor mir laufenden Veeinskameraden nicht aufschließen. Das gelingt mir erst etwas später, erst den einen und dann auch noch den anderen. Merkwürdigerweise kommt gar kein Einbruch, ich kann das Durchschnittstempo so halbwegs halten und komme schließlich nach 1:29:17 h als 6. ins Ziel.

Nun ist aber wirklich Schluss mit Wettkämpfen in diesem Jahr. Jetzt wird im November ein bisschen regeneriert und dann werde ich versuchen, mal ganz seriös einen Marathon vorzubereiten.

Das Marathontraining kann beginnen

Als ich mich vor einiger Zeit für den Lübeck-Marathon angemeldet hatte, dachte ich mir, du bist im Moment ganz gut drauf und einen Marathon bist du auch schon eine Weile nicht mehr gelaufen, außerdem ist er relativ in der Nähe und wäre ein schöner Saisonabschluss. Irgendwelche Gedanken an eine Zielzeit (vielleicht noch eine, die mit meinen HM-Zeiten in Verbindung zu bringen wäre) habe ich standhaft und auch recht erfolgreich verdrängt. Es ist zu dem Zeitpunkt schon klar, dass ich es nicht mehr schaffen werde, ausreichend lange Läufe zu machen, außerdem ist die Strecke je nach dem von wo der Wind kommt durchaus anspruchsvoll und ich will lieber einen halbwegs gelungenen Lauf hinlegen als zu pockern und dann 10 km oder mehr zu wandern.

Das Wetter versprach schon Anfang der Woche eklig zu werden aber dass es so eklig werden würde, hätte ich dann auch nicht gedacht. Wolkenbruchartige  Regenfälle in Verbindung mit Wind der Stärke 5 und 6 Grad stellen wenigstens für mich nicht das ideale Wettkampfwetter dar. Aber was soll’s, nun war ich einmal da und dann wird auch gelaufen. Für den Start hatte der Regen ein Einsehen und war nicht ganz so stark, so dass man zwar nass wurde aber nicht schon komplett durchgeweicht war, bevor es überhaupt losging. Da ich einen zu schnellen Beginn unter allen Umständen vermeiden wollte, stellte ich mich irgendwo in der Mitte des Starterfeldes auf und harrte der Dinge, die da kommen würden. Meinem FR war es wohl auch zu nass, jedenfalls brauchte er gut 2 km, bevor er einen Satelitten fand. Nun ja, ich hatte beschlossen, mich heute nicht verrückt machen zu lassen und mich zu dem Zeitpunkt als die Uhr endlich anfing zu arbeiten bereits darauf eingestellt, eben ohne zu laufen. Vielleicht konnte ich ja unterwegs hin und wieder mal jemanden fragen.

Es ging zunächst recht zügig voran, Kunststück kam der Wind doch auf den ersten 21 km fast direkt von hinten. Nach ungefähr 7 km lief ich auf die Gruppe mit den beiden führenden Frauen auf und die nächsten 10 km war es ein recht entspanntes Laufen. Bei km 17 musste ich mal in die Büsche und danach war die Gruppe natürlich weg. Die Zeiten lagen irgendwo zwischen 4:35 und 4:45 min/km, aber der interessante Teil der Strecke kam ja noch. Nach gut 21 km war der Wendepunkt in Travemünde erreicht und jetzt wurde es doch ziemlich eklig. Der Wind von vorne und der Regen, derzwischenzeitlich sogar mal kurz aufgehört hatte, setzte wieder ein. Als ich aus dem Herrentunnel raus kam, traf mich fast der Schlag, so heftig regnete es jetzt. Alle Sachen waren total durchnässt und in den Schuhen stand das Wasser. Aber was soll man machen, wenn man noch 8 km vor sich hat. Aufhören ist jetzt auch keine Option mehr, weil man am Verpflegungspunkt erfriert, bevor man zu Start und Ziel gefahren wird. Also weiter, wird schon irgendwie gehen. Lust hatte ich zwar keine mehr aber zu langsam durfte man auch nicht laufen, sonst fing man an zu frieren.

Nach 3:26 h war ich dann im Ziel, bin sofort zum Auto gerannt, habe mich umgezogen und bin nach Hause gefahren. Insgesamt bin ich durchaus zufrieden, es ist genauso gekommen wie ich es mir gewünscht habe. Eine Zeit, auf die ich das Wintertraining aufbauen kann und im nächsten Jahr schauen wir mal was möglich ist, wenn ich nicht nur 50 km pro Woche im Schnitt laufe und auch ein paar lange Läufe einstreue, die diese Bezeichnung auch verdienen.